Ein himmlisches Duett!                         <<-- zurück

Vor einem Jahr habe ich von meinem Freund einen Gutschein für einen Tandemsprung geschenkt bekommen. Ich habe hin und wieder in den letzten Jahren erwähnt, dass ich das gerne einmal machen möchte.  Obwohl ich eigentlich höhenschwindlig war, reizte mich so ein Sprung. Ich kann mich noch gut erinnern: Als ich das Kuvert öffnete, kamen mir die Tränen. Ich war so überrascht. Damit hatte ich zu dem Zeitpunkt gar nicht gerechnet. Ich habe mich sehr darüber gefreut :)

 

Die Wochen vergingen und da das Jahr 2018 bereits schon zu ereignisreich für mich verlief, dachte ich mir damals, dass ich nicht noch zusätzlich Etwas herausfordern möchte. So verging das Jahr und mein Gutschein hing sichtbar für mich an einem Kalender und erinnerte mich daran, dass da noch ein ganz großes Abenteuer auf mich wartete.

Das Wünschen ist eine Sache. Etwas aber dann wirklich umsetzen, was vor allem Mut erfordert, ist eine andere Sache :)

 

In meinem Sommer-Urlaub im August 2019 war es dann soweit. Ich wollte nicht kneifen und so fixierte ich einen Termin beim Fallschirmspringerclub Skydive Graz, der seine Sprünge gleich Nähe des Flughafens Graz organisierte. Bei diesem Telefonat hatte ich mein erstes Herzklopfen, aber der erste Schritt war endlich gesetzt. Ich suchte mir Samstag, den 31. August, 9:30 Uhr aus. Laut Wetter-App dürfte das Wetter an dem Tag besonders schön sein. An dem Tag war auch der Geburtstag meiner Mama. „Hoffentlich geht alles gut“ dachte ich mir. Zwischen 8:00 und 8:30 Uhr am Sprungtag anrufen, ob gestartet werden kann, wurde mir mitgeteilt. 

Ich hatte den ersten Schritt gewagt, jetzt gab es für mich kein Zurück mehr. Meine letzte Urlaubswoche war angebrochen und die verflog wie im Nu. Der Samstag, 31.8. eilte mit Riesenschritten auf mich zu – fast zu schnell J. In dieser Woche fuhren nicht nur meine Gefühle Achterbahn, sondern auch meine Gedanken. Unglaublich, welche Möglichkeiten, dass bzw. wie Etwas passieren könnte, es doch gibt. Es lebe die Kreativität! ;) Alle Möglichkeiten wurden in Kurz-Filmchen durch meinen Kopf geschleust, und damit änderten sich auch ständig meine Gefühlslagen. Der Blutdruck stieg. Der Blutdruck sank. Die Nervosität stieg. Die Nervosität legte sich wieder. In manchen Nächten schlief ich gut, in manchen Nächten wurde ich munter und das Gedanken-Karussell drehte sich in Hochgeschwindigkeit weiter. Nach so einer Nacht fühlte ich mich in der Früh, als hätte mich etwas überfahren. „Na bravo, wenn es mir in der letzten Nacht vor dem Sprung auch so geht, dann Prost-Mahlzeit“ dachte ich mir. Umkehren war keine Option für mich. Der Wunsch, den Tandem-Sprung zu wagen, war größer, als alle Emotionen, die ich die Tage davor durchleben musste.

 

Jetzt hatte ich ja nicht nur den Gutschein für einen Sprung bekommen. Nein, mein Freund hatte es gut gemeint, er buchte gleich das ganze Paket mit Film und Foto. Für mich zusätzlicher Stress ;) Oh Gott, vielleicht wird das Ganze ja urpeinlich. Vielleicht fange ich zu weinen an, vielleicht muss ich kotzen oder gleich beides auf einmal. Das und auch die Tatsache, dass sich andere mehr Sorgen machen würden als wir, veranlasste uns, niemanden einzuweihen. Was mich am meisten nervös machte, war, dass ich überhaupt nicht wusste, was auf mich zukam. So fasste ich am Tag davor den Entschluss, auf die Homepage des FSC Skydive Graz zu gehen und mir das Video eines Tandem-Sprungs anzuschauen. Es löste eine unerwartete Vorfreude und Aufgeregtheit aus und nahm mir mit einem Schlag meine größte Sorge: Die Unsicherheit, was mich wohl morgen erwarten würde.

 

Freitagabend - einmal noch schlafen…..Jetzt war der Zeitpunkt gekommen, wo ich alles versuchte auszublenden, wo ich in Versuchung kam, zu denken: „Das letzte Mal vor dem Sprung mache ich...,was ist, wenn es das letzte Mal ist?" DAS ist ein ganz fieser Gedankenreigen. Wenn man da nicht aufpasst, kommt man in eine Negativ-Spirale. Ich habe es gut hingekriegt, kein letztes Mal bei irgendetwas…Das Leben geht auch nach dem Tandem-Sprung weiter. Am Abend hatte ich alles vorbereitet, was am nächsten Tag aus meiner Sicht notwendig war – Kleidung, Schuhe, mein Tascherl mit dem Gutschein und ganz wichtig: Taschentücher, man weiß ja nicht :)
Jetzt konnte der Tag endlich kommen.

Erstaunlicherweise habe ich von Freitag auf Samstag sehr gut geschlafen. Wir waren zwar schon früh munter, aber das machte nichts. Das Wetter meinte es gut mit mir. Die Sonne strahlte mit dem Blau des Himmels um die Wette. Einem Sprung stand jetzt ganz sicher nichts mehr im Wege.

 

Jetzt kam die Zeit, wo ich mich voll auf mich und meine Emotionen konzentrierte. Weil ich neugierig war, was mit meinem Körper davor passierte, habe ich meinen Blutdruck im Stunden-Takt gemessen. Je später es wurde, stieg der Blutdruck, vor allem aber die Herzfrequenz. Um 8:15 Uhr rief ich, wie vereinbart, bei Skydive Graz an, ob der Flug stattfinden wird. "Ja, und wir müssen unbedingt Zeit mitbringen, da man vorher nicht genau sagen kann, wie die Einteilung erfolgt" war die Mitteilung der netten Dame vom Club. Knapp vor der Abfahrt hatte mein Blutdruck den Wert 140/84/94. So hoch war er noch nie, zumindest könnte ich mich nicht daran erinnern. Ich versuche mein Gefühl zu beschreiben, welches ich zu dem Zeitpunkt hatte: Ich war total fokussiert auf den Sprung, welchen ich im Video gesehen hatte und fühlte nach, ob ich die Freude, die ich beim Anschauen des Videos am Vortag hatte, abrufen konnte. Ja, es funktionierte, zumindest war da keine Angst oder Panik und das war für mich das Wichtigste. Die Zeichen standen jetzt total auf Anspannung!

 

Unsere Katze wurde mit den Worten „Bis später!“ noch schnell geknuddelt und ab ging es zum Auto. Kurz vor dem Wegfahren nochmals kurz durchschnaufen. Nur nicht viel nachdenken und ab geht die Post. Meine Nervosität hielt sich unerwartet in Grenzen. 

 

Wir trafen um 9:15 Uhr beim FSC Sykdive ein. Ab ging's zur Anmeldung. Es waren schon ein paar Leute dort. Bevor es auf die "Piste" ging, musste man ein Formular ausfüllen. Da wurde es mir das erste und letzte Mal etwas mulmig…."Nur nicht mehr viel darüber nachdenken!"….Was da alles drinnen stand und was man alles bestätigen musste, will ich jetzt nicht anführen, aber es ist wie bei einer Operation….alles ist möglich ;) Hier kam mir der Gedanke, ob es vielleicht nicht doch besser gewesen wäre, wenn ich für den Sprung eine eigene Versicherung abgeschlossen hätte…Jetzt gab es kein Zurück mehr – alles geht gut!!!

 

Jene, die den Tandem-Sprung machten, bekamen eine gelbe Warnweste. Wir schlüpften damit sozusagen in die „Opfer-Rolle“ :). Ab sofort stand man unter Beobachtung. Jeder wusste es jetzt und wir hatten eine gute Übersicht - die Zuseher waren eindeutig in der Mehrzahl. Noch schnell das WC aufsuchen, danach gab es keine Möglichkeit mehr - hoffentlich geht sich DAS aus :/

 

Wir marschierten dann gemeinsam ca. 10 Minuten zum Sprungplatz – ein kleines Häuschen und Biertische mit Bänken, geschützt vor der Sonne mit Sonnenschirmen. In der Wiese davor waren riesige Decken aufgebreitet, wo die Springer ihre Schirme vorbereiten konnten und wo die Kisten standen, mit allem, was man für so einen Sprung benötigte.

Es stellte sich relativ bald heraus, dass sich der Sprung verzögern würde. An diesem Wochenende mit dem Traumwetter waren sehr viele Hobby-Springer und auch Springer, die für die Staatsmeisterschaft im Formationsspringen, welches die Woche darauf stattfand, im Einsatz. Hinzu kam, dass der Flughafen-Terminal nicht immer sofort die Starterlaubnis für das Flugzeug freigeben konnte. Es herrschte ja auch regulärer Flugverkehr. Es wurde einem bei dem bunten Treiben auf keinen Fall langweilig, und ich hatte gleichzeitig auch Zeit, die Vorgänge, die dann auch mich betrafen, zu beobachten.

 

Um 11:30 Uhr war es dann soweit. Ich ging zur Fläche, wo ich eingekleidet und eingewiesen wurde. Während ich meinen Overall anzog und mir der Tandemlehrer die Gurte anlegte, erklärte er mir, was ich alles beachten musste. Ich bekam alle Infos zur Körperhaltung beim Absprung und bei der Landung. Ab diesem Zeitpunkt begleitete mich auch der Willi, der mich filmte und fotografierte. Ich vergaß oft auf ihn, da ich jetzt voll konzentriert war auf alles, was meinen Sprung betraf. Ich war noch immer angstfrei und war sehr froh darüber, dadurch konnte ich alles sehr bewusst miterleben. Ich kann mich noch erinnern, dass ich meinem Freund zugewunken habe und dann marschierten alle, die bei diesem Flug dabei waren, zum Abflugbereich in der riesengroßen Wiese, wo das Flugzeug landen würde. Es dauerte auch hier noch eine Weile, da es nicht gleich eine Lande- und Abflugerlaubnis gab. Mein Tandemlehrer wiederholte zwischendurch immer wieder den Ablauf und die für mich wichtigen Infos. 

 

Das Flugzeug landete, wir gingen zur Luke, drehten uns für ein Foto nochmal um und ab ging's in den Flieger. Wir saßen in zwei Reihen hintereinander auf dem Boden, jeweils der Vordere in der Beingrätsche des Hinteren. Der Aufstieg in 4000 m Höhe begann. Es war sehr leise im Flugzeug und man hörte nur das monotone Motorengeräusch. Ich hatte Zeit, mich umzusehen. Der Innenraum war grau ausgepolstert. Auf der linken Seite, direkt neben mir, war an der gepolsterten Wand ein Netz angebracht, wo eine halbvolle kleine Plastik-Getränkeflasche und drei Bücher steckten – wohl ein Scherzerl ;). Je höher wir stiegen, knackste hin und wieder aufgrund des steigenden Drucks die Plastik-Getränkeflasche, ansonsten war nur das Motorengeräusch zu hören. Außer den Menschen, die sich in der Maschine befanden, gab es nicht mehr viel sichtbares Inventar. Den Piloten und das Cockpit sah ich nicht, da wir alle in die andere Richtung schauten. Ich fühlte mich sehr wohl innerhalb dieser Fluggemeinschaft. Inzwischen fragte mich der Tandemlehrer ob es mir gut geht. Er zeigte mir den Höhenmesser…..wir waren erst bei der Hälfte angelangt. Ich war überrascht. Mir kam es vor, als würden wir schon ewig unterwegs sein. Es ging mir gut, sogar sehr gut. Ich war konzentriert und beobachtete durch die Fensterluken, wie wir uns immer mehr vom Boden entfernten. Ich sah sogar direkt auf Wolken, denen wir im Steigflug begegneten. "Wow, was für ein tolles Erlebnis!" Es war so spannend. Ich spürte so viel Vertrauen, dass alles gut gehen würde und ich war in dem Moment so glücklich und empfand große Dankbarkeit.

 

Plötzlich kam Bewegung in die Sache. Die drei Einzelspringer vor mir begannen sich vorzubereiten. Mein Tandemlehrer zog meine Gurte nun ganz fest. Ich musste meine Kappe und die riesige Schutzbrille aufsetzen und dann ging alles ganz schnell. Die Luke wurde geöffnet, die drei Einzelspringer klatschten sich ab, gaben sich ein Zeichen, dass alles ok war und schon hüpften sie durch die Öffnung in die unendliche Freiheit.

Jetzt war ich dran. Ich musste ganz nach vorne rutschen. Voll konzentriert auf alles, was ich gelernt hatte, rutschte ich auf Anweisung vom Tandemlehrer weiter zur Öffnung und ließ die Beine hinausbaumeln und hielt mich mit beiden Händen am Gurt fest, so wie ich es gelernt hatte. Jetzt spürte ich bereits die frische Luft im Gesicht. Kopf zurücklegen (Hier schloss ich kurz meine Augen, ich wollte hier nur mein Gefühl des Vertrauens spüren), Beine nach hinten abwinkeln und schon ließen wir uns in die Tiefe fallen. Ab hier öffnete ich sofort wieder meine Augen, ich wollte ja nichts versäumen. Die Erde lag ausgebreitet unter mir. Ich konnte den Luftpolster spüren, der uns trug und sich so sicher anfühlte. Es war von Beginn an so unglaublich schön. Der Fluglehrer klopfte mir dann wie besprochen auf die Schulter, damit ich meine Arme ausbreitete. Dann tauchte plötzlich auch der Film-Springer Willi neben uns auf. Upsi, auf den hatte ich ja ganz vergessen. Passiert ihm wahrscheinlich immer wieder – der Arme :))) Mir fiel dann auch ein, dass wir unten vereinbart hatten, dass ich zu ihm hinschauen musste, damit man im Film auch mein Gesicht sehen konnte und dass wir uns in der Luft abklatschten. Es gelang uns, dass wir uns alle Drei gleichzeitig kurz an den Händen zu fassen bekamen. Zwischendurch Daumen hoch. Es war alles so aufregend. Schwuppdiwupp, dann war der Willi auch schon weg. Ich glaube ja, dass Er der Batman ist, es gibt ihn wirklich :))))))

 

Je weiter wir nach unten segelten, stieg der Druck auf die Ohren, das war sehr unangenehm. Da gab mir der Tandemlehrer den Hinweis, dass ich einen Druckausgleich machen sollte – Nase zu und andrücken, damit war der unangenehme Schmerz auch sofort wieder weg. Wir rauschten auf die Erde zu. Wenn wir eine Schleife flogen, war da ein Gefühl, das ich kaum beschreiben konnte. Es war irgendwie ein Druck mit Schwindel, der sich aber sofort wieder einpendelte, wenn es gerade weiterging. Ich sah so viel, ich konnte gar nicht alles erfassen. An die vielen Teiche kann ich mich erinnern, an den Flughafen, an den runden Platz, wo ich wusste, dass wir landen würden, andere Springer, die sich mit ihren bunten Schirmen dem Boden näherten uvm. Zum Schluss steuerten wir auf den Lande-Platz zu. Der Tandemlehrer gab mir die Anweisung, meine Füße anzuheben, bis er mir das Wort „Steh“ zurief. Ich hörte noch, wie er landete und im Kiesbett lief……dann „Steh!“. Der Schirm mit den vielen Schnüren rauschte seitlich an uns vorbei und legte sich im Zeitlupentempo langsam auf den Boden nieder.

Dann war ein kurzer Moment der Stille….und das Leben geht weiter….ich habe es geschafft! :)))) „DANKE“.

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