Es war einmal mein Großmutter-Baum          <- zurück

Im Jahr 2011 durfte ich dich kennenlernen, obwohl ich schon seit dreieinhalb Jahren täglich mehrmals am Tag mit unserem Hund in den Park marschierte und ständig bei dir vorbeiging. Dass du ein wunderschöner Baum bist, war mir schon bald aufgefallen. Du hattest ganz große Blätter und weiße Blüten und deine Äste waren weit ausladend - ein beeindruckender Baum, dem man auch ansah, dass er schon lange lebte.

 

Eines Tages ist mir ein Text über Baumgeister untergekommen und dass Bäume, in denen Baumgeister leben, Gesichter haben. Da ist es mir dann erst aufgefallen. Ich kann mich noch so gut erinnern, wie glücklich ich war, als ich dein Gesicht entdeckte, es war so wunderschön - du hast gelächelt. Du hast immer gelächelt. Jeden Tag, an dem wir bei dir vorbeigekommen waren, hast du gelächelt. Viele meiner Sorgen und Ängste hatte ich dir still und leise anvertraut. Du warst für mich mein Großmutter-Baum mit dem schönsten Gesicht, das ich von da an in so manchen Bäumen entdeckte. Aus meiner Sicht konnte es keiner mit dir aufnehmen.

 

Ganz in deiner Nähe fand ich dann immer wieder vierblättrige und manchmal auch fünfblättrige Kleeblätter. Es waren unglaublich viele. Ich freute mich immer wieder riesig darüber, wenn ich wieder welche fand. Ab diesem Zeitpunkt war das für mich ein ganz besonderer Platz - mitten in der Stadt.

 

Irgendwie habe ich es dann gefühlt, dass deine Jahre gezählt waren. Es waren so Blitzgedanken, die ganz plötzlich kamen. Es begann dann damit, dass sie dir im Jahr 2014 vorerst einmal nur deine Äste gekürzt hatten. Ich verstand es zwar nicht, die Schnittstellen waren ja alle gesund. Aber ich dachte, es musste bei einem alten Baum, wo man die Verantwortung nicht übernehmen konnte, dass vielleicht einmal ein Mensch durch einen abbrechenden Ast verletzt wird, einfach so sein. Aber dann warst du im Frühjahr 2015 eines Tages ganz weg, sogar deine Wurzel hatte man aus dem Erdreich herausgerissen.

 

Ich war sehr, sehr traurig! Ich konnte es einfach nicht glauben, dass du plötzlich nicht mehr da warst. Ich fand dann noch ein Stückchen Holz von deinem Stamm, was aus der Erde ragte. Ich nahm es mit nach Hause, wo ich es noch heute in Ehren halte.

Ich war so froh, dass ich Fotos von dir gemacht hatte.... Eines meiner Lieblingsfotos ist dieses - mit deinem Lächeln.

 

Danke, dass ich dich kennenlernen durfte!

Nachsatz August 2018: Auch wenn ich hin und wieder dort vorbei gekommen war, fand ich bis heute nie wieder ein vierblättriges Kleeblatt. Für mich fühlt es sich an, als ob in diesem Bereich etwas Wundervolles und Magisches verloren ging.

 

Graz-Lend, Volksgarten

 

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